2. Sonntag im Jahreskreis
2002 A
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Weitere Predigten kommen demnächst.

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Am Ende des Semesters erhalten alle Schulkinder wieder ihre Semesterzeugnisse, in denen der Zwischenstand in der Mitte des Schuljahres verzeichnet ist. Die Lehrer benoten die Schüler nach ihren Leistungen. Es gibt gute und leider auch schlechte Noten. Die Lehrer versuchen, die Kinder möglichst gerecht zu beurteilen. Der Lehrer legt Zeugnis davon ab, wie gut das Kind die schulischen Leistungen bewältigt hat.

Warum beginne ich so die Predigt? In den Evangelien vom Fest der Taufe des Herrn sowie vom heutigen Sonntag wird auch Zeugnis abgelegt. Beim Evangelium über die Taufe Jesu sprach Gott Vater über den Sohn: »Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.« Gott Vater bezeugt seinen Sohn.

Im heutigen Evangelium begegnet uns wiederum Johannes der Täufer am Jordan. Wir hörten das Zeugnis des Johannes: »Er ist der Sohn Gottes!«

In beiden Evangelien wird Zeugnis abgelegt. So wie der Lehrer Zeugnis ablegt über einen Schüler, so legt der Täufer Zeugnis ab von Jesus, so legt Gott Vater Zeugnis ab von seinem Sohn.

Der große Unterschied ist die Fragestellung, die zugrunde liegt. Die Lehrer stellen sich die Frage über das Kind: Wie gut war es im vergangenen Semester? Die Fragestellung des Johannes lautet: Wer bist du? Wer ist er? Er ist der Sohn Gottes.

2 Punkte möchte ich zur Überlegung mitgeben.

Wenn wir über eine Person sprechen, beurteilen wir sie allzu oft nach der Frage »Wie?«. Wie verhält sie sich? Wie intelligent ist diese Person? Wie benimmt sie sich?

Aber sollten wir uns nicht zu allererst die Frage stellen: Wer ist diese Person? Dann kommen wir auf die Antwort: Mein Gegenüber ist ein Geschöpf Gottes. Jeder Mensch ist von Gott geliebt. Darum sind auch wir aufgerufen, unseren Nächsten zu lieben, ihn anzunehmen wie er ist. Wir müssen unsere Mitmenschen zuerst einmal aus ganzem Herzen lieben. Wenn ich meinen Nächsten liebe, wird dieser Vertrauen zu mir haben und auch meinen Rat eher annehmen. Wenn ich als Freund jemandem eine Hilfe anbiete, geht das leichter.

Der 2. Punkt betrifft das Bezeugen. Was ist ein Zeuge? Wir kennen einen Zeugen vor Gericht. Er sagt aus, damit der Richter die Wahrheit erfährt und besser ein gerechtes Urteil fällen kann. Zeuge kommt aus dem Griechischen: martyreo. Von diesem Wort kommt unser Wort Martyrium. Wer das Martyrium erleidet, ist Zeuge.

Viele christliche Märtyrer legten mit ihrem Blut von Jesus Zeugnis ab. Von den ersten Christenverfolgungen bis in das 20. Jahrhundert herauf hat es zigtausend Märtyrer gegeben. Wir brauchen nur in so manche islamische Länder schauen, wo die Christen auch in der heutigen Zeit noch benachteiligt, unterdrückt und teilweise grausam verfolgt werden.

Doch wie sieht es in unseren europäischen Ländern aus? Wer ist hier noch mutiger Zeuge? Vielleicht fragen Sie jetzt: Wie kann ich Zeuge sein? Was kann ich tun, um Zeugnis abzulegen für Christus?

Es gibt unzählig viele Möglichkeiten, um für Jesus Zeugnis abzulegen: Der erste Punkt besteht in einem vorbildlichen Leben. In der tätigen Liebe zu Gott und zu unseren Mitmenschen bezeugen wir die Liebe Gottes zu uns Menschen.

Das zweite, wodurch Sie alle gerade Zeugnis ablegen, ist die Sonntagsmesse. Mit ihrer Anwesenheit sind sie Zeuge für die Wichtigkeit des heiligen Messopfers. Sie legen Zeugnis ab für das 3. Gebot: Du sollst den Tag des Herrn heiligen!

Drittens: das Gebet. Damit meine ich besonders das Gebet in der Öffentlichkeit, bei Wallfahrten, Prozessionen, Maiandachten, Adventandachten, beim Rosenkranz, beim Kreuzweg und auch zu Hause, beim Familiengebet. Oder auch wenn sie den Mut haben, im Gasthaus ein Kreuzzeichen zu machen und still ein Tischgebet zu sprechen.

Früher war es eine Selbstverständlichkeit, dass bei einer kirchlichen Feier wie der Taufe der Priester im Gasthaus gebeten wird, ein Tischgebet zu sprechen. Heute denken viele gar nicht mehr daran. Man stürzt sich oft wie Tiere über das aufgetischte Essen. Viele haben verlernt, dem Schöpfer Dank zu sagen und damit Zeugnis abzulegen, dass es den Allmächtigen gibt.

Wenn wir wieder lernen, in unserem Alltag mutig Zeugnis abzulegen, tun wir das, was Johannes der Täufer getan hat: Zeuge für Christus zu sein, auf Jesus hinzuweisen. Er wies deutlich auf den Sohn Gottes hin: »Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt!«

Ein bekannter Maler hat diese Szene auf dem berühmten Isenheimer Altar dargestellt: Johannes zeigt mit ausgestrecktem Finger auf Christus hin. Ihm müsst ihr folgen. Er wird euch mit Heiligem Geist taufen. So bezeugt und verkündet Johannes den Messias. So wollen auch wir mutig Zeugen für Christus sein. Amen.

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