2. Ostersonntag
2002 A
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Weitere Predigten kommen demnächst.

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Sie hören einen fiktiven Verteidigungsbrief des Apostels Thomas für unsere Zeit geschrieben!

„Ihr macht es Euch leicht, wenn Ihr sagt, ich sei der ungläubige Thomas. Ich habe an Jesus geglaubt, als er noch lebte. Ich war bereit, sein Jünger zu werden und sogar mit ihm zu sterben. Ich habe an Jesus geglaubt wie alle übrigen Jünger. Und ich habe wie alle getrauert, als er starb. Stellt Euch das einmal vor, was alles geschehen ist! Wie hättet Ihr euch verhalten? Der, auf den Ihr Eure Hoffnung gesetzt habt, wird verurteilt, gegeißelt, stirbt am Kreuz, den Tod eines schändlichen Verbrechers.

Als alles zu Ende war, musste ich einmal Abstand gewinnen. Alle Hoffnung war zerstört. Ich brauchte diese Einsamkeit, um alles zu verarbeiten. Ich musste mich ein wenig zurückziehen. Erst nach Tagen traf ich die übrigen Jünger wieder. Ich war nicht nur verwirrt, es war für mich ein Schock. Als ob nichts geschehen sei, saßen sie zusammen in Hochstimmung. Sie redeten sich gegenseitig ein, dass Jesus lebe. „Gott hat Jesus auferweckt.“, riefen Petrus und Johannes mir zu. Er sei ihnen sogar erschienen.

Nein, da konnte ich nicht mitjubeln. Das war zuviel. Das haben sich meine Freunde nur eingebildet. Es ist ja verständlich, dass man solche Wunschträume hat und dass dann einem die Phantasie so etwas vorgaukelt, dass man Stimmen hört, dass man Engel sieht, dass man schließlich auch noch Jesus selbst sieht, der zu ihnen spricht.

Warum?

Weil man ihn sehen möchte. Weil alle so wie ich nicht fassen können, was geschehen ist. Gerade Johannes und die Frauen. Die waren ja so mutig und waren dabei, sind mit hinaufgegangen nach Golgota. Die Hammerschläge dröhnen ihnen wahrscheinlich noch in den Ohren. Das furchtbare Geschrei, die tobende Menge. Die letzten Leidensworte Jesu hören sie im Gehirn noch, wie wenn es gerade passiert ist. Jetzt sind sie noch ganz benommen und haben durchgedreht. Sie sehen plötzlich Gespenster. Es ist doch irgendwie verständlich. Anders können sie selbst mit diesem Problem nicht fertig werden. Nochmals nein. Ich glaube erst, wenn ich ihn berühre und zwar die Wunden, denn dann weiß ich, dass er es wirklich ist, dass ich nicht getäuscht werde von irgendwelchen Halluzinationen.

Und wieder ging ich in die Einsamkeit, um nachzudenken. Jesus ist gestorben. Jesus ist tot. Da kann ich mir noch so oft einreden, dass er lebt, es widerspricht jeglicher natürlicher Vernunft.

Nur eines verstehe ich nicht. Warum ist das Grab leer? Wie kann das geschehen? Gestohlen haben sie ihn sicher nicht. Meine Freunde sind ehrliche Menschen. Diese Frage konnte ich nicht beantworten.

Langsam wurde mir bewusst, dass es nicht gut ist, wenn ich mit meiner Einsamkeit allein bleibe. Ich suchte wieder Kontakt zu meinen Freunden. Sie luden mich für nächsten Sonntag zu einem Treffen ein. Diesen Tag werde ich nie vergessen, denn da geschah das, was ich nie für möglich gehalten habe. Im nachhinein gesehen ist es eine der größten Gnaden, die ich je bekommen habe. Wer darf schon Jesu Wunden berühren?

Ich ging in die Knie und bekannte reuevoll. Mein Herr und mein Gott. Jesus war so liebevoll zu mir. Er fand so schöne Worte. Kein Vorwurf war von ihm zu hören, weil ich anfangs nicht glauben konnte. Er hatte vollstes Verständnis mit meinen Schwierigkeiten, mit meinen Glaubenszweifeln. Warum konnte ich nicht früher glauben?

Für Euch aber hatte er die bedeutenden Worte gesagt. Selig, die nicht sehen und doch glauben. Ich kann es für Euch bezeugen. Jesus ist wirklich auferstanden. Er ist auch mir erschienen und ich durfte sogar die Hand in seine Seite legen. Dafür danke ich Jesus. Und ich schreibe Euch diesen Brief, damit auch ihr glaubt. Es ist wirklich wahr. Jesus hat den Tod besiegt, ist auferstanden, ist uns erschienen und hat noch viele Zeichen getan, die uns gar nicht überliefert sind. Aber diese sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist. Amen.

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