24. Sonntag im Jahreskreis
2017 A
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Weitere Predigten kommen demnächst.

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Wie oft muss ich verzeihen? Die Antwort Jesu wiegt schwer: 77-mal! Das heißt immer. Es drängt mich, selber zu sagen und das jetzt auszusprechen: „Ich verzeihe jedem, der sich bei mir schuldig gemacht hat und ich bitte um Verzeihung, wenn ich jemand gekränkt habe.“

Wenn wir einmal vor Gottes Angesicht stehen und uns vor seinem Gericht verantworten müssen, dann wird das sicher ein sehr ernster Augenblick sein. Der ewige Richter wird aus dem Dunkel der Vergessenheit all unsere Fehler hervorholen. Alle, auch die, an die wir längst nicht mehr gedacht haben, die schon Jahrzehnte zurückliegen. Am liebsten würden wir die Augen da zu machen und sagen: Ich will sie nicht sehen. Aber eines wird uns glücklich machen, wenn die Seele rufen kann: Herr, du musst vergeben, denn auch ich habe vergeben. Ich habe vergeben, was mir angetan wurde von all den anderen sündigen Menschen, die mir im Leben begegnet sind.

Das ist sozusagen der Joker, der uns rettet. Wie schön ist das, wenn Jesus sagt: Vergebt, dann wird auch euch vergeben werden! Vergiss diesen Satz nie! Vielleicht wirst du ihn notwendig im Gericht brauchen.

Umgekehrt klingt es noch leichter: So wie der Herr euch verziehen hat, so verzeiht auch ihr. Wir müssen ja nicht als erstes verzeihen. Der Herr hat uns immer schon hier auf Erden verziehen, wenn wir bereuen, wenn wir beichten, wenn wir unsere Sünden bekennen.

Es ist nicht etwas Großes, wenn wir uns rächen, wenn wir Böses mit Bösem vergelten. Man folgt einem niederen Trieb, der im Menschen liegt. Aber den Feind, den Gegner lieben, ihm vergeben, das ist etwas, das Gott gefällt. Hier hat er seine Freude. Vor einem Menschen, der verzeihen kann, soll man sich neigen und Ehrfurcht haben. Das ist wirklich was Großes.

Erlittenes Unrecht darf nicht unauslöschlich im Gedächtnis eingebrannt sein. Bei manchen ist es leider unverwischbar der Erinnerung eingemeißelt. Man muss auch die letzten Spuren wegwischen können. Wer einem anderen ein erlittenes Unrecht immer wieder auftischt, zeigt, dass die bittere Speise noch immer in seiner Vorratskammer liegt. Und wenn es einem auch bloß innerlich von Zeit zu Zeit wieder aufsteigt, ist das ein Beweis, dass es irgendwo im Unterbewusstsein noch vorhanden ist. Nur kleinliche Menschen hacken mit ihren harten Schnäbeln immer auf dem Gleichen herum. Man muss einen Strich unter die Rechnungen machen können und sie nicht immer wieder präsentieren. Der nachträgliche Mensch schleppt einen ganzen Ballast unerledigter Dinge mit sich. Sie machen sich und andern das Leben schwer.

Sicherlich ist die Forderung Jesu nicht leicht. Beleidigungen können sich tief ins Herz des Menschen hineinbohren. Die Wunden heilen dann langsam und lassen oft lange Zeit Narben zurück. Es muss darum ein starkes Motiv kommen, um den Menschen darüber hinwegzubringen. Das Motiv bringt Jesus im Gleichnis.

Der König schenkt dem Diener die große Schuld. Gott selbst hat uns in der Taufe die große Schuld vergeben. Deswegen sollen auch wir vergeben. Gott hat immer zuerst schon vergeben, daher sollen auch wir diese Vergebungsbereitschaft haben. 77-mal. Das heißt immer. Amen.

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