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Die katholische Predigtsammlung von Pfarrer Poschenrieder
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16. Sonntag im Jahreskreis 2020 A

Messtexte | Word-Dokument

Die Reaktion der Knechte im Gleichnis des Evangeliums ist menschlich. Sie sehen das Unkraut unter dem Weizen und möchten es ausreißen: Das geht doch nicht, dass wir das Unkraut, das uns ein böser Feind gesät hat, wachsen lassen. Wir brauchen auf unserem Feld kein Unkraut. Doch der Gutsherr sagt: Nicht ausreißen! Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Es ist dies eine nicht leicht verständliche Weisung! Aber er weiß, dass beim Ausreißen des Unkrauts auch versehentlich Weizen mit ausgerissen werden kann. Das wäre aber für ihn etwas ganz Schlimmes. Das Gute darf nicht vernichtet werden. Das Gute muss geschützt werden, muss wachsen und sich vermehren. Manchmal möchte man das Böse in der Welt sofort vernichten. Manchmal ist man in der Versuchung bei der geringsten Verfehlung streng zu strafen und vielleicht unüberlegt zu reagieren und Maßnahmen treffen, sodass es vielleicht auch Unschuldige erwischt. Man hat dann nicht gewartet und besonnen geschaut, wer ist wirklich der wahre Schuldige, wer hat Böses getan, wo ist die Wurzel des Übels, und man reißt damit auch den Weizen aus und das Gute kann nicht wachsen.

Der Gutsherr in unserem Gleichnis ist daher ein doppeltes Vorbild für unser menschliches Handeln. Er ist Vorbild in der Geduld und in der Toleranz.

1. Die Geduld.

Die Eigenschaften Gottes sind nicht nur heilig, ewig, gerecht, gütig, barmherzig, allwissend und allmächtig, sondern auch geduldig. Es ist ein Geheimnis um die Geduld Gottes. Womit hat Gott Geduld? Er ist geduldig mit seiner Schöpfung und besonders mit uns Menschen, mit jedem einzelnen von uns.

Gott hat Zeit. Er ist ewig. Er kann warten. Gott hat uns Menschen mit einem freien Willen erschaffen. Diese Freiheit können wir nützen, um Gott zu lieben, um uns für ihn zu entscheiden, oder aber, um uns von Gott abzuwenden. Doch er wartet in Geduld auf unsere Umkehr.

Diese Geduld führt ihn zweitens zur Toleranz. Er erduldet, wenn wir sündigen. In einem gewissen Sinn leidet er darunter. Die Sünde ist nämlich eine Beleidigung Gottes. Aber er streckt immer seine Hand aus und sehnt sich danach, dass wir zu ihm zurückkehren. Eines kann er nicht. Er wird uns nicht zwingen zum Guten. Er respektiert unsere Freiheit und wird warten bis zum Schluss. Erst dann, wenn geerntet wird, ist es zu spät. Dann wird das Unkraut gesammelt und in Bündel gebunden, um es zu verbrennen.

Gott ist und bleibt trotzdem der barmherzige Vater, der sehnsüchtig auf den verlorenen Sohn wartet, Ausschau hält und jeden Tag vor die Tür geht und, falls er kommt, ihn mit offenen Armen aufnimmt.

So sollen auch wir uns verhalten. Das Gleichnis sagt uns, dass wir Geduld haben sollen: Geduld mit unserem Mitmenschen, Geduld in der Kindererziehung, Geduld mit den alten Menschen, Geduld mit schwierigen Menschen usw.

Manchmal fällt uns diese Geduld sehr schwer und würden gerne beten: Lieber Gott schenkt mir Geduld, aber ein bisschen plötzlich. So geht es nicht, aber beten müssen wir um Geduld, denn selber können wir sie uns nicht geben. Gott muss sie uns schenken. Und da heißt es eben auch, demütig darum zu bitten, dass wir in dieser Geduld langsam wachsen dürfen. Es ist dies eine Tugend, die wir uns nicht von heute auf morgen aneignen werden, sondern, die wir üben müssen, an der wir an uns arbeiten müssen. Eine Tugend, die nur Schritt für Schritt uns von Gott geschenkt wird, wenn wir treu im Gebet sind. Gott ist nämlich auch geduldig. Er lässt beides wachsen, damit ja nicht das Gute vernichtet wird, sondern damit das Gute Frucht bringt. Wir wollen so leben, dass wir Gott am Ende viel Weizen in seine Scheune bringen kann. Amen.


© Pfarrer Christian Poschenrieder 2020