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Die katholische Predigtsammlung von Pfarrer Poschenrieder
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24. Sonntag im Jahreskreis 2020 A

Messtexte | Word-Dokument

Im Oktober 1984 wurde der polnische Pfarrer Jerzy Popieluszko von der Geheimpolizei ermordet. Noch in der Nacht feierte ein Freund von ihm in seiner Kirche St. Stanislaus die heilige Messe für den Verstorbenen. Die Menschen waren voll Trauer und Wut. Sie weinten und schluchzten. Beim Vaterunser setzten sie aus, als sie zu dem Satz kamen: „...wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Der Priester am Altar wiederholte den Satz. Wieder war nur ein Schluchzen zu hören. Er bat: „Sprecht mir nach!“ Auch ihm versagte fast die Stimme. Dann aber stimmten alle mit ein: „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“ Das ist der Ernstfall des Glaubens. Wie schwer kann das Verzeihen sein! Besonders bei so gravierenden Fällen, in denen es um ein unschuldiges Menschenleben geht, werden Tränen nicht fehlen, wenn man auf das Thema Verzeihen kommt.

Mich wundert eigentlich die Fragestellung des Petrus. Für mich ist nicht so wichtig die Anzahl des Verzeihens, sondern die Intensität der Schuld. Leichte Sachen sind sehr schnell vergeben. Wenn mir jemand etwas kleines antun, ist es nicht schwer zu verzeihen. Da kann ich oftmals ein Auge zudrücken und zu ihm vielleicht sagen: Das ist nicht so schlimm; das vergessen wir. Aber wenn der Andere absichtlich mich sehr kränkt und bewusst etwas tut, was mir weh tut, dann wird es immer schwieriger einmal oder sogar immer wieder zu verzeihen. Ich hätte gefragt: Muss ich auch bei schweren Dingen verzeihen? Genügt hier siebenmal?

Die Antwort Jesu wäre die gleiche gewesen. Die Geschichte mit dem König, der mit seinem Diener abrechnet, zeigt gerade, dass hier eine große Schuld vorliegt, die nachgelassen wird.

Verzeihen im Geist Jesu muss grenzenlos sein. Er selbst hat es uns vorgelebt, als er vom Kreuz herab, in der Sterbestunde sagte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Jesus will, dass wir ihm ähnlich werden. Wir sind aufgerufen, immer wieder das Verzeihen zu üben. Wenn wir einmal bei Gott sein wollen, müssen wir vergeben. Im Himmel gibt es keinen Hass und kein Nachtragen mehr.

Aber wie wollen wir vergeben? Wir könnten uns drei Wörter merken, die mit dem Buchstaben „G“ beginnen:

Vergib gleich - vergib gern - vergib ganz (3 G)

1. Vergib gleich bedeutet: so bald wie möglich. Wir sollen es nicht versäumen, diesen Giftstoff lange in uns zu tragen, sondern am besten ist es, ganz schnell sich davon zu befreien. Der Christ wartet nicht bis zum Lebensende; er verzeiht gleich.

2. Vergib gern und zähle nicht, wie oft du schon verziehen hast. Das ist der Sinn der Antwort, die Jesus Petrus gab, als dieser ihn fragte, wie oft man verzeihen müsse. Gott zählt auch nicht auf, wie oft er uns schon unsere Sünden verziehen hat und noch verzeihen wird. Oftmals sind es immer wieder die gleichen Fehler, von denen wir nicht loskommen und die wir in der Beichte bekennen. Der echte Christ ist grundsätzlich immer wieder zur Verzeihung bereit und versöhnlich.

3. Vergib ganz! Wir müssen von Herzen verzeihen. So will es der Herr. Manche können mit Worten verzeihen. Wichtig ist aber, dass auch das Herz mitmacht. Wenn du auch mit dem Herzen verzeihst, erfüllst du das Gebot des Herrn ganz.

Leicht ist es oft nicht. Viele Heilige aber haben es uns vorgelebt. Allen voran der erste Märtyrer der Kirche, der hl. Stephanus, der gesteinigt wurde und seinen Mördern verzieh mit den Worten: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an.“ Aber in der heutigen Zeit finden wir ebenfalls verzeihungsbereite Menschen. Der heilige Papst Johannes Paul II. hat dies uns auch vorgelebt, als er seinem Attentäter Ali Agca verzieh und ihn im Gefängnis besuchte.

Es ist also möglich. Immer wieder das Wort Jesu ernst nehmen und dieses heroische Ziel anzustreben ist uns aufgetragen. Der sittlich Stärkere ist zweifellos der, welcher verzeiht.  Dazu drängt uns die Liebe Christi, der es uns vorgelebt hat. Diese Liebe wollen wir immer wieder üben. 7 und 70-mal. Amen.


© Pfarrer Christian Poschenrieder 2020