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Die katholische Predigtsammlung von Pfarrer Poschenrieder
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32. Sonntag im Jahreskreis 2020 A

Messtexte | Word-Dokument

Um zu erklären, wie wir uns das Reich Gottes vorstellen können, nimmt Jesus gerne Gleichnisse aus dem Alltagsleben der Menschen. Damit wir aber den Sinn des Gleichnisses verstehen, müssen wir die damaligen Sitten und Gebräuche kennen. Auch bei uns ist die Hochzeit ein großes und schönes Fest, doch kein Vergleich wie es damals im Orient war. Sie dauerte 7, manchmal sogar 14 Tage.

Zunächst feierten die männlichen und weiblichen Hochzeitsteilnehmer getrennt in den Häusern des Bräutigams und der Braut. Der junge Mann nahm Abschied vom Junggesellendasein im Kreis seiner Freunde, und die junge Frau tat dasselbe im Kreis ihrer Freundinnen. Dann am Abend formierte man sich zum großen Hochzeitszug. Die eigentliche Trauungszeremonie fand normalerweise im Haus des Vaters des Bräutigams statt. Der Bräutigam holte die Braut ab, um sie ins Hochzeitshaus zu geleiten, und er schickte Boten voraus, die sein Kommen ankündigten. In einer Sänfte, festlich geschmückt und von Jungfrauen mit Öllampen oder Ölfackeln begleitet, wurde die Braut dann vom Haus ihrer Eltern zum Haus des Mannes getragen. Die Ölfackeln bestanden aus langen Stangen, um deren oberes Ende ganz mit Olivenöl getränkte Lappen gewickelt waren. Da diese Fackeln nur eine geringe Brenndauer hatten, mussten sie immer neu mit Öl getränkt werden, das die Jungfrauen in kleinen Krügen mit sich führten.

Jesus wählte das Beispiel eines orientalischen Hochzeitszuges, um zu erklären, wie wir uns das Kommen des Gottesreiches vorstellen sollen. Jedermann damals kannte das schöne Spiel von der Erwartung des Bräutigams. Die Braut und die weiblichen Hochzeitsgäste warteten gespannt, wann endlich der Bote auftauchte, der das Kommen des Bräutigams ankündigte. Das konnte sich bis in die Nacht hinauszögern, um erhöhte Spannung zu erzeugen. Aber jeder machte gerne mit, und es wäre völlig unverständlich gewesen, wenn der Bräutigam zu später Stunde nicht von der Braut und ihrem Gefolge mit Freude und Jubel empfangen worden wäre.

Die Zuhörer damals haben sehr gut verstanden, was Jesus sagen wollte. Das Reich Gottes ist wie ein schönes Hochzeitsfest. Es hat mit Liebe und Freude zu tun, und je mehr sich mitfreuen und mitfeiern, umso schöner ist es.

Der Bräutigam ist selbstverständlich Christus selbst, auf den wir warten. Wir müssen genügend Öl in Krügen haben, um, falls er später kommt, entsprechend Vorrat zu haben, damit die Lampen brennen.

Die brennende Öllampe ist ein Symbol für den lebendigen Glauben. Und das Öl, das wir brauchen, damit es nicht erlischt, sind unsere guten Taten. Die guten Taten nähren den Glauben. Die törichten Jungfrauen haben sich auf Erden nicht bemüht, Gutes zu tun.

Mitten in der Nacht dürfen alle schlafen, auch die klugen Jungfrauen, auch die wachsamen Christen. Mancher Tod kommt überraschend und unverhofft. Der Tag des Herrn kann plötzlich kommen. Christliche Wachsamkeit heißt nicht, dass man sich nachts keinen Schlaf mehr gönnen darf, sondern dass man eine entsprechende christliche Lebensweise führt. Wenn wir also die Gebote Gottes im Leben halten, werden uns die lauten Rufe nicht erschrecken und bestürzen, sondern wir sind gerüstet für diesen Tag, denn wir haben alles nötige, um unsere Lampen zurechtzumachen.

Die Worte des Bräutigams „Ich kenne euch nicht“ sind natürlich furchtbar. Die Seele muss durch die vielen Todsünden schrecklich entstellt sein, damit Christus sagen kann: Ich kenne dich nicht mehr, wie du einmal warst am Anfang bei der Taufe. Es ist das schlimmste Schicksal, das mit einem Menschen geschehen kann, wenn er vor Gott als Unbekannter dasteht. Darum die Worte Jesu: Seid wachsam, denn ihr kennt weder den Tag noch die Stunde, wann euer Herr kommt. Amen.


© Pfarrer Christian Poschenrieder 2020