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Die katholische Predigtsammlung von Pfarrer Poschenrieder
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33. Sonntag im Jahreskreis 2020 A

Messtexte | Word-Dokument

Es war einmal die Frage in der Hölle, als nur noch ein Platz frei war, wer für diesen letzten Platz bestimmt ist. Der Teufel sagte: „Diesen Platz muss der größte Sünder bekommen.“ Er hörte sich die Verfehlungen der einzelnen an. Aber was auch immer sie ihm erzählten, nichts schien ihm schrecklich genug, als dass er dafür den letzten Platz in der Hölle hergeben möchte. Doch da stand noch ein Mann ganz für sich allein, den er noch nicht befragt hatte. „Was haben sie denn getan?“ fragte ihn der Teufel. „Nichts“ sagte der Mann. „Ich habe überhaupt nichts Böses getan.“ „Aber sie müssen doch etwas getan haben“, sagte der Teufel. „Jeder Mensch stellt etwas an.“ „Ich sah es wohl“, sagte der Mann, „aber ich tat wirklich nichts. Ich sah, wie Menschen ihre Mitmenschen verfolgten, aber ich beteiligte mich niemals daran. Sie haben Kinder hungern lassen und in die Sklaverei verkauft; sie haben auf den Schwachen herumgetrampelt. Überall um mich herum haben Menschen Übeltaten jeder Art begangen. Ich allein tat nichts.“ „Absolut nichts?“, fragte der Teufel ungläubig. „Sind sie völlig sicher, dass Sie das alles mit angesehen haben?“ „Vor meiner eigenen Tür“, sagte der Mann. „Und sie haben nichts getan?“ wiederholte der Teufel. „Nein!“ „Dann komm herein, mein Sohn, der Platz gehört dir!“ Und als er den Mann hereinließ, drückte sich der Teufel zur Seite, um mit ihm nicht in Berührung zu kommen.

Diese Geschichte drückt meiner Meinung nach sehr gut aus, was Jesus mit dem Gleichnis von den Talenten sagen will. Der Mann mit dem einen Talent hat auch nichts getan. Er hat das Talent vergraben. Damals war ein Talent viel Geld. In unserem Sprachgebrauch sind die Fähigkeiten, die Begabungen gemeint, die wir von Gott bekommen haben. Genau das aber meint Jesus mit dem Gleichnis. Wir sollen damit unser Leben gestalten. Wir sollen etwas daraus machen. Wir als Christen müssen uns immer wieder fragen, womit Gott uns wirklich talentiert hat, womit er uns befähigt und begabt hat. Der Mann, der auf Reisen geht, übergibt seinen Dienern sein Vermögen. Das ist doch Jesus selbst, der uns sein Vermögen, seinen Reichtum und seinen Besitz anvertraut. Worin besteht sein Reichtum? Das Wichtigste, was er uns anvertraut hat, ist die Liebe! Es ist die Liebe des Kreuzes. Es ist jene Liebe, die uns erlöst hat. Er hat uns befähigt, so zu lieben wie er. Wir sind beschenkt worden mit dem Talent zu lieben, wie Christus geliebt hat. Dieses Talent dürfen wir nicht vergraben und dieses Talent vergraben wir aber, wenn wir nichts tun, wenn wir nicht lieben, wenn wir Gutes unterlassen haben. Sünden können wir nicht nur begehen, wenn wir aktiv etwas Böses tun. Sünden können wir auch begehen, wenn wir zuschauen, während andere sündigen. Ja, es kann sogar sein, dass wir schwer sündigen, wenn wir nichts tun, wenn wir das Talent der Liebe vergraben. Im Schuldbekenntnis bekennen wir nicht nur, dass ich Böses getan, sondern auch Gutes unterlassen habe. Wer sich oft schwer tut mit einer Gewissenserforschung und wem keine Sünden einfallen, der hat sich wahrscheinlich nicht gefragt, wo habe ich Gutes unterlassen? Wo habe ich weggeschaut und hätte helfen können? Wo habe ich Not gesehen und war zu faul oder zu feige einzuschreiten?

Dieses Wegschauen und Nichtstun ist für Jesus etwas ganz Schlimmes und darum wird im Gleichnis dieser Diener als nichtsnutziger Diener bezeichnet und in die äußerste Finsternis hinausgeworfen, wo er heult und mit den Zähnen knirscht. Es ist dies der Ort der Finsternis. Es bedeutet: versagt haben, verdammt sein. Das ist die Hölle. Der barmherzige Gott hat kein Erbarmen mit dem, der nichts tut, der nur zuschaut, der seine Fähigkeiten und Talente nicht einsetzt.

Von daher gesehen passt dieses Evangelium gut zum heutigen Caritassonntag. Er erinnert uns, dass wir etwas tun müssen, dass wir die Not in der Welt nicht übersehen dürfen. Dies hat die hl. Elisabeth getan, indem sie Brot den Armen gegeben hat. Dies hat der hl. Martin getan, indem er den Mantel mit dem Bettler geteilt. Handeln wir genauso, damit wir zu Jesus einmal sagen können: „So viele Talente hast du mir gegeben. Siehe, ich habe doppelt so viel dazu gewonnen.“ Amen.


© Pfarrer Christian Poschenrieder 2020