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Die katholische Predigtsammlung von Pfarrer Poschenrieder
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6. Sonntag im Jahreskreis 2020 A

Messtexte | Word-Dokument

Die Bergpredigt hat es in sich. Jesus ist hier nicht der harmlose, liebliche und nette Mann, der mit allem zufrieden ist, was wir tun. Er verlangt sogar von uns, dass wir besser sind als die Elite von damals. „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Das waren damals die Frommen! Das waren die Vorbilder des jüdischen Volkes. Das waren die, die viel gebetet haben, viel gespendet haben und sich wirklich bemüht haben! Doch Jesus war nicht zufrieden, weil die Werke voller Eigenliebe waren.

Und Jesus verschärft die Gebote gewaltig. Wer seinem Bruder auch nur zürnt, der soll dem Gericht verfallen sein, und wer zu ihm sagt: Du gottloser Narr, der soll dem Feuer der Hölle verfallen sein. Oder wer eine Frau nur lüstern ansieht, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen! Und wer sich scheiden lässt, begeht Ehebruch! Und wer eine Geschiedene heiratet, begeht Ehebruch. Wer wagt das heute noch zu sagen?! Und von wegen Schwören: Du sollst einfach gar nicht schwören: Dein Ja sei ein Ja, dein Nein ein Nein. Alles andere ist vom Bösen! All das sagt Jesus in der wichtigsten und berühmtesten Rede, die uns die Evangelisten aufgeschrieben haben, in der Bergpredigt.

Was machen wir mit diesen Worten?  Wie gehen wir mit diesem ungeheuren Anspruch um? Wie oft können wir nur unsere Durchschnittlichkeit, unsere eigene Fehlerhaftigkeit und unsere Sünden Jesus hinhalten!

Der Text von heute beginnt eigentlich mit einer Warnung, dass nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes, nicht das kleinste Gebot aufgehoben werden darf, ehe nicht alles erfüllt sei. Und gleichzeitig zitiert Jesus mehrfach eben dieses Gesetz, um es dann gleich trotzdem auf seine Weise aufzuheben oder eben zu erfüllen. Immer wenn er sagt: „Euch ist gesagt worden“, dann zitiert er das Gesetz des Alten Bundes. Und wenn er hinzufügt: „Ich aber sage euch“, dann gibt er seine eigene Lehre, die das Gesetz entweder neu auslegt oder überbietet.

Jesus tritt hier mit einem göttlichen Anspruch auf. Denn kaum etwas war damals von so heiliger Autorität wie das Gesetz des Moses. Aber hier ist einer, der mehr ist als Mose! Aber wie bringen wir diese beiden Dinge zusammen: Die Warnung, das Gesetz dürfe nicht aufgehoben werden und gleichzeitig Jesu eigene Auslegung und Veränderung des Gesetzes?

Die Antwort ist, Jesus selbst ist der Erklärer und der Erfüller des Gesetzes! Er sagt uns, was das ganze Gesetz eigentlich in der Tiefe bedeutet: Im Grunde geht es in allem darum, dass der Mensch die wahre Liebe lebt. Dass er in der tiefen Liebesgemeinschaft mit Gott lebt und deshalb auch die Menschen und die Welt wirklich liebt – ohne Egoismus, ohne Eigenliebe, ohne Überheblichkeit, ohne Stolz und „Eingebildet sein“! Im Grunde kann man deshalb sagen: Jesus spricht hier in allem auch von sich selbst. So wie er das in der Bergpredigt beschreibt, so ist er selbst. Er ist die Liebe. Er lebt die wahre Liebe.

Jesus sagt: Wenn Eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Warum? Die Pharisäer waren sehr gute Gesetzeserfüller, aber sie hatten ihr Herz nicht dabei. Und deshalb wollten sie selber glänzen und nicht den verherrlichen, der ihnen das Gesetz gegeben hat. Sie waren darin selbstgerecht. Sie machen alles perfekt, ohne Herz und ohne den inneren Sinn verstanden zu haben. Doch das Herz muss dabei sein, und wenn möglich ganz!

Jesus geht es dann auch um unsere tiefsten Überzeugungen und um die Wahrheit. Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein, und zwar immer. Dort, wo es um wirkliche Liebe und nicht nur um schnelle Begierde und egoistische Lust geht. Jesus will uns deutlich machen: „Ich bin gekommen, damit Ihr ein Leben in Fülle habt“, ein Leben in Freude, ein Leben in der Liebe, in der Wahrheit, aber er sagt dazu: Ihr habt das nicht aus Euch selbst. Ihr könnt das nicht ohne mich. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich bin für Euch gestorben und auferstanden. Ich gebe euch ein neues Herz, einen neuen Geist. Ich bin der einzige Weg zum Vater. Wenn wir das nicht ernst nehmen, dass Er es ist, der uns helfen kann, dann zerbrechen wir an den Forderungen der Bergpredigt.

Es ist einfach wahr, dass uns ein unberechtigter Zorn gegen den Bruder von der Liebe ausschließt und vom Leben. Weil wir im Herzen spüren, dass zürnen gegen das Gebot Gottes ist, dass die Ehe heilig ist, dass jede Art von Lüge uns traurig macht, deswegen sollen wir uns wirklich bemühen, diese Radikalität der Bergpredigt zu leben. Wir werden dann eben nicht nur religiöse Pharisäer, sondern eben wirkliche Christen, die immer neu aus der wahren Liebe leben. Amen.


© Pfarrer Christian Poschenrieder 2020