2. Sonntag nach Weihnachten 2026
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2. Sonntag nach Weihnachten 2026 A

Messtexte | Word-Dokument

„Wo war ich, als ich noch nicht da war?“ – so fragen Kinder.

„Wo bin ich, wenn ich nicht mehr da bin?“ – so fragen Erwachsene, alte Menschen, Menschen, die sich mit dem Sterben auseinandersetzen.

Es sind zutiefst menschliche Fragen:

Woher kommen wir? Wohin gehen wir?

Bevor wir bei uns Menschen nach Antworten suchen, gibt uns der heilige Johannes eine Antwort darauf, wie es bei Jesus war. In einer fast philosophischen Weise beginnt er sein Evangelium:

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“

Diese Worte erinnern uns sofort an den Beginn der Heiligen Schrift:

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“

Das „Wort“, von dem Johannes spricht, ist also Gott selbst. Und später erfahren wir: „Das Wort ist Fleisch geworden.“

Das ist die Weihnachtsbotschaft des Johannes. Das Wort – das ist Jesus.

Wo war also Jesus, bevor er auf der Erde war?

Er war bei Gott – ja mehr noch: Er war Gott.

Und wo ist Jesus, nachdem er nicht mehr sichtbar unter uns ist?

Er kehrt zurück zu Gott und ruht am Herzen des Vaters.

Die Evangelisten werden oft durch Symbole dargestellt.

Markus ist der Löwe, Matthäus der Mensch oder Engel, Lukas der Stier – und Johannes ist der Adler.

Warum der Adler? Wegen des gedanklichen Höhenfluges gleich zu Beginn seines Evangeliums.

Ich möchte dieses Bild noch weiterführen:

Jesus selbst ist hier der Adler. Er kommt aus der Höhe Gottes und stürzt sich hinab auf die Erde – er wird Mensch. Und er kehrt wieder zurück in den Himmel.

Doch anders als ein Adler, der sich auf Beute stürzt, tut Jesus dies nicht zerstörend, sondern rettend. Er stürzt sich auf uns Menschen, um uns zu befreien. Er löst uns aus den Stricken der Sünde. Er nimmt uns mit hinauf zu Gott.

Wir sind die „Beute“ Jesu – im besten Sinn.

Ich will Beute Jesu sein.

Lassen wir uns von ihm ergreifen. Lassen wir uns von ihm mitnehmen.

„Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“

Wir beten diese Worte im Engel des Herrn.

Es ist eine Weihnachtsbotschaft ohne Krippe, ohne Maria und Josef, ohne Hirten und Weise – nur dieser eine Satz:

„Das Wort ist Fleisch geworden.“

Doch Johannes fügt etwas Erschütterndes hinzu:

„Er kam in sein Eigentum, doch die Seinen nahmen ihn nicht auf.“

Diese Worte machen nachdenklich.

Denn es sind nicht nur „die anderen“, die ihn nicht aufnehmen.

„Die Seinen“ – das sind auch wir, die zu ihm gehören.

Auch in unserem Leben gibt es vielleicht Bereiche, in denen wir ihn nicht aufnehmen wollen. Zeiten des Zweifels, Zeiten der Müdigkeit im Glauben, Zeiten, in denen uns das Gebet schwerfällt. Zeiten, in denen es dunkel wird in uns.

Aber Johannes sagt auch: „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“

Wenn wir ihn aufnehmen, wird er auch uns aufnehmen.

Wenn wir ihm Wohnung geben in unserem Herzen, dann wird er uns einst aufnehmen in die Wohnungen, die er für uns bereitet hat.

Herberge geben – das heißt: Jesus Raum geben. Platz machen für ihn.

Weihnachten soll nicht punktuell bleiben. Weihnachten soll weiterwirken. Es soll so lange ausstrahlen, dass Jesus, der auch heute unter uns wohnt, nicht abgewiesen wird. Amen.


© Pfarrer Christian Poschenrieder 2026