2. Fastensonntag A 2026
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2. Fastensonntag 2026 A

Messtexte | Word-Dokument

Der heilige Hieronymus hat im 4. Jahrhundert die Heilige Schrift ins Lateinische übersetzt. Vierzig Jahre arbeitete er an dieser Übersetzung, die wir die „Vulgata“ nennen. Sie war so prägend, dass sie über viele Jahrhunderte als maßgebliche Bibel der Kirche galt und in der heiligen Messe verwendet wurde.

Und doch ist keine Übersetzung vollkommen. Ein berühmtes Beispiel hat sogar Eingang in die christliche Kunst gefunden: Das hebräische Wort mit den Konsonanten KRN kann „leuchtend“ oder „gehörnt“ bedeuten. Als Mose mit den zwei Tafeln der Zehn Gebote vom Berg herabstieg, übersetzte Hieronymus: Das Angesicht des Mose sei „gehörnt“ gewesen. So kam es, dass Mose in manchen Darstellungen Hörner trägt – man denke etwa an die berühmte Statue des Mose von Michelangelo.

Tatsächlich aber heißt es: Die Haut seines Gesichtes strahlte. Mose ist Gott begegnet, und etwas vom Glanz des Ewigen spiegelte sich in ihm wider. Dieses Licht war so stark, dass die Israeliten sich fürchteten, ihm zu nahen. Mose musste sogar sein Gesicht mit einem Schleier bedecken.

Dieses Bild führt uns zum heutigen Evangelium: zur Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor.

Auch von Jesus ging auf dem Berg Tabor ein gewaltiges Strahlen aus. Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Eine lichte Wolke überschattete sie, und aus ihr erklang die Stimme des Vaters.

Die Jünger erschraken – und doch waren sie zugleich überwältigt von der Schönheit und Herrlichkeit. Petrus wollte Hütten bauen, um diesen Augenblick festzuhalten. Dieses Geschehen war wie ein Fenster zur Ewigkeit, ein Vorgeschmack auf die Herrlichkeit des Himmels.

Wer möchte nicht glücklich sein? Wann sind wir glücklich?

Wir erleben heute viele Belastungen: politische Unsicherheiten, persönliche Sorgen, Krankheiten, Konflikte. All das kann uns die Freude rauben. Und doch gibt es immer wieder jene besonderen Augenblicke, in denen unser Herz aufleuchtet – Begegnungen, Versöhnungen, das Lächeln eines Kindes. Wenn ein Kindergesicht vor Freude strahlt, dann strahlt etwas auf uns über.

So war es auf dem Tabor: Das Licht Christi ergriff die Jünger. Darum sprechen wir bis heute von einem „Taborerlebnis“, wenn uns ein Moment tiefer Freude geschenkt wird.

Doch der Berg Tabor steht nicht allein. Er weist voraus auf einen anderen Berg: der Berg Golgota, auf dem Jesus gekreuzigt wurde.

Dort stehen ebenfalls zwei Gestalten neben Jesus – nicht Mose und Elija, sondern zwei Verbrecher. Nicht Licht, sondern Finsternis bedeckt das Land. Nicht jubelnde Freude, sondern Schmerz und Traurigkeit erfüllen die Herzen.

Und doch gehören beide Berge zusammen.

Einer der Jünger war bei beiden Ereignissen zugegen: Johannes. Er sah die Herrlichkeit auf dem Tabor. Er stand unter dem Kreuz. Und er war auch am Ostermorgen am leeren Grab. Von ihm heißt es: Er sah und glaubte.

Gerade deshalb passt der Tabor in die Fastenzeit. Denn ohne das Licht der Verklärung könnten wir das Dunkel von Golgotha kaum ertragen. Das Kreuz erhält seinen Sinn im Licht der Auferstehung.

Darum kennt die Kirche sogar mitten in der Fastenzeit einen Sonntag der Freude – Laetare. Er erinnert uns daran: Das Ziel unseres Weges ist nicht das Leiden, sondern das Leben. Nicht die Finsternis, sondern das Licht.

Wir dürfen österliche Menschen sein – auch in der Zeit der Umkehr und Buße, in der wir uns befinden. Wir leben aus der Gewissheit: Christus hat den Tod besiegt. Das Böse hat nicht das letzte Wort.

Darum strahlt heute der Herr auf dem Berg Tabor in weißen Gewändern, um uns zuzurufen: Fürchte dich nicht! Freue dich über deine Erlösung!

Und gehe hoffnungsvoll dem Tag entgegen, an dem auch du Jesus begegnest in seiner Herrlichkeit. Amen.


© Pfarrer Christian Poschenrieder 2026