19. Sonntag im Jahreskreis A 2026
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19. Sonntag im Jahreskreis 2026 A

Messtexte | Word-Dokument

In der ersten Lesung hörten wir vom Propheten Elija. Er übernachtete in einer Höhle am Gottesberg Horeb und durfte dort eine tiefgreifende Gotteserfahrung machen. Zunächst kam ein gewaltiger Sturm, dann ein Erdbeben und schließlich Feuer. Doch der Herr war weder im Sturm noch im Erdbeben noch im Feuer. Erst danach kam ein sanftes, leises Säuseln – und darin war Gott gegenwärtig.

Dies sagt uns, Gott spricht gewöhnlich nicht im Lärm des Alltags, sondern in der Stille. Wer Gott hören möchte, muss sich Zeiten der Stille nehmen. Als der Erzengel Gabriel zu Maria kam, geschah das nicht inmitten von Lärm und Aufregung. Maria war innerlich still und offen für Gottes Wort. Auch wir brauchen solche Augenblicke der Ruhe, damit Gottes Stimme unser Herz erreichen kann.

Der heilige Peter Julian Eymard hat das schon als Kind verstanden. Eines Tages kletterte er in einer Kirche zum Tabernakel hinauf und legte sein Ohr an dessen Tür. Als man ihn tadelte, weil man nicht auf den Altar steigen dürfe, antwortete er ganz schlicht: „Jesus ist doch dort drinnen. Ich möchte hören, was er mir sagt.“

Beten heißt, mit Gott zu sprechen. Aber zum Gebet gehört ebenso das Hören. Es genügt nicht, Gott nur unsere Anliegen vorzutragen. Wir dürfen auch still werden, auf ihn schauen und uns von ihm anschauen lassen.

Genau das zeigt uns das heutige Evangelium. Petrus geht auf dem Wasser Jesus entgegen. Solange sein Blick auf Jesus gerichtet bleibt, trägt ihn das Wasser. Doch als er den Sturm bemerkt und auf die Wellen schaut, bekommt er Angst und beginnt zu sinken. Der entscheidende Unterschied liegt darin, wohin er schaut.

Auch unser Leben kennt Stürme: Sorgen, Krankheiten, Konflikte oder Zukunftsängste. Wenn wir nur noch auf die Wellen schauen, verlieren wir leicht den Mut. Wenn wir aber den Blick auf Jesus richten, schenkt er uns Kraft und Vertrauen.

Dazu möchte ich drei ungewöhnliche Beispiele des Betens erzählen.

Das erste ist Maria unter dem Kreuz. Von ihr wird kein einziges Wort überliefert. Sie steht einfach da und schaut ihren Sohn an. Gerade dieses schweigende Dasein ist ihr größtes Gebet. Während fast alle Apostel geflohen sind, bleibt Maria treu. Sie tröstet Jesus nicht mit vielen Worten, sondern durch ihre liebende Gegenwart.

Das zweite Beispiel stammt vom heiligen Pfarrer von Ars. Eines Tages sah er in seiner Kirche einen Mann, der lange still vor dem Tabernakel saß. Neugierig fragte er ihn: „Was betest du denn die ganze Zeit?“ Der Mann antwortete: „Ich schaue ihn an, und er schaut mich an.“ Welch tiefes Gebet! Er schenkte Jesus einfach seine Zeit und ließ sich von ihm anschauen.

Das dritte Beispiel erzählt von einem Bettler namens Paul. Jeden Tag saß er auf der Straße und bat um Almosen. Doch jeden Nachmittag zwischen zwei und drei Uhr verschwand er für eine Stunde in der Kirche. Dort sagte er nur: „Jesus, ich bin's, Paul. Ich komme dich besuchen.“

Eines Tages wurde Paul schwer krank. Die Ärzte glaubten, er würde die Nacht nicht überleben. Doch am nächsten Morgen fanden sie ihn voller Freude und neuer Kraft. Sie fragten ihn, was geschehen sei. Paul antwortete: „In der Nacht bekam ich Besuch. Jesus kam zu mir und sagte: 'Paul, ich bin's, Jesus. Ich komme dich besuchen.' Von diesem Augenblick an ging es mir besser.“

Diese drei Beispiele überraschen uns. Sie zeigen: Gebet ist weit mehr als Worte. Gebet ist Liebe. Gebet ist bei Gott sein. Gebet ist stilles Schauen. Gebet heißt, im Sturm den Blick auf Jesus gerichtet zu halten und auf seine Nähe vertrauen.

Das gilt auch für die Kirche. Sie gleicht einem Schiff, das immer wieder durch stürmische Zeiten fährt. Solange sie auf ihren Herrn schaut, wird sie nicht untergehen. Denn nicht nur wir schauen auf Jesus – auch Jesus schaut auf seine Kirche.

Immer wieder begegnet uns in den Evangelien dieser liebevolle Blick Jesu. Er schaut Maria Magdalena an und spricht sie mit ihrem Namen an. Da erkennt sie den Auferstandenen. Jesus schaut den reichen Jüngling an; das Evangelium sagt ausdrücklich: „Er gewann ihn lieb.“ Darum lädt er ihn zu einer radikalen Nachfolge ein. Jesus sieht das Leid der Menschen, hat Mitleid und hilft ihnen.

Auch Petrus schaut auf Jesus – und plötzlich wird das Unmögliche möglich. Das erinnert an das Wort des Herrn: „Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, könntet ihr Berge versetzen.“

Der Blick auf Jesus ist deshalb selbst ein großes Gebet. Er verbindet uns mit Christus und gibt unserem Leben Halt.

Und genau das wird einmal die Freude des Himmels sein. Die Theologie nennt es die beseligende Gottesschau. Wir werden Jesus sehen, wie er wirklich ist. Dieses Schauen wird niemals langweilig werden. Es wird uns vielmehr mit einer Freude erfüllen, die alles übersteigt, was wir uns heute vorstellen können. Darauf dürfen wir hoffen. Amen.


© Pfarrer Christian Poschenrieder 2026