30. Sonntag im Jahreskreis A 2026
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30. Sonntag im Jahreskreis 2026 A

Messtexte | Word-Dokument

Im Evangelium des vergangenen Sonntags wollten die Pharisäer Jesus mit der Frage eine Falle stellen: „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen?“ Im heutigen Evangelium versuchen sie erneut, Jesus auf die Probe zu stellen. Diesmal fragen sie ihn: „Welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?“

Der Konflikt zwischen Jesus und den Pharisäern spitzt sich immer mehr zu. Doch Jesus begegnet ihren Provokationen mit beeindruckender Weisheit. Er bringt Klarheit in die Diskussion und verkündet das wichtigste Gebot. Es ist das Kernstück unseres christlichen Glaubens und Lebens: das Gebot der Liebe.

Jesus fasst das Gesetz in zwei grundlegenden Weisungen zusammen: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten lieben. An diesen beiden Geboten hängen das ganze Gesetz und die Propheten.

Beide Gebote finden sich bereits im Alten Testament, allerdings an unterschiedlichen Stellen. Das Besondere ist, dass Jesus sie miteinander verbindet und als die beiden wichtigsten Gebote herausstellt.

Die Schriftgelehrten hatten aus dem Gesetz des Mose über 600 einzelne Vorschriften herausgearbeitet und in verschiedene Kategorien eingeteilt. Sie bemühten sich, in diesem Dickicht von Gesetzen und Bestimmungen Ordnung zu schaffen. Es war, als müsste man sich in einem dichten Urwald einen Weg durch unzählige Schlingpflanzen bahnen.

Vielleicht hat auch mancher von uns schon einmal gedacht: Warum gibt es so viele Gebote Gottes und der Kirche? Könnte man nicht alles viel kürzer und einfacher zusammenfassen?

Jesus zeigt uns, worauf es im Kern ankommt. Er fasst das Entscheidende in wenigen Worten zusammen: Liebe Gott und liebe deinen Nächsten!

Das Hauptgebot besteht also aus zwei Teilen: der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten.

Jesus sagt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.“

Gott will nicht nur unsere Gaben, nicht nur unsere guten Werke und nicht nur einen Teil unserer Zeit. Er möchte uns selbst – mit unserem ganzen Sein, mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand. Er möchte, dass wir uns ihm ganz anvertrauen und unser Leben aus der Liebe zu ihm gestalten.

Das ist eine große Aufgabe. Denn die Liebe sagt nicht einfach: Jetzt habe ich genug getan. Wer liebt, fragt immer wieder: Was kann ich noch tun? Wie kann ich dem anderen meine Liebe zeigen?

So ist es auch mit unserer Liebe zu Gott. Wir können immer tiefer in diese Liebe hineinwachsen, ihm mehr vertrauen und uns stärker an seinem Willen ausrichten.

Der zweite Teil des Gebotes lautet: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Beide Gebote gehören untrennbar zusammen. Der Apostel Johannes bringt das in seinem ersten Brief deutlich zum Ausdruck: „Wenn einer sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, ist er ein Lügner.“

Das lässt sich mit einer Pflanze vergleichen. Ihre Wurzeln sind verborgen, aber sie geben ihr Halt und Nahrung. Ohne gesunde Wurzeln muss die Pflanze verwelken. An ihren Früchten aber erkennt man, ob sie lebt und gesund ist.

Ähnlich ist es mit unserer Gottesliebe und der Nächstenliebe. Die Liebe zu Gott ist die Wurzel unseres Glaubens. Sie soll in unserem Umgang mit den Menschen sichtbar werden. Und unsere Liebe zu den Mitmenschen zeigt, ob unsere Gottesliebe im Alltag Frucht bringt.

Wer Gott liebt, kann deshalb nicht gleichgültig gegenüber seinen Mitmenschen bleiben. Er wird versuchen, den anderen mit Achtung zu behandeln, ihm zu helfen, ihm zu verzeihen und ihm mit Geduld zu begegnen.

Darum ist die Liebe das Entscheidende, an dem sich unser christliches Leben messen lassen muss.

Wenn Jesus die Liebe als das wichtigste Gebot bezeichnet, dann will er uns auch sagen: Wir sollen alle anderen Gebote aus Liebe erfüllen.

Nehmen wir als Beispiel den Gehorsam. Ich kann gehorsam sein, weil ich sonst Schwierigkeiten bekomme. Kinder halten sich manchmal an die Anweisungen ihrer Eltern, weil sie eine Strafe vermeiden wollen. Und wir halten uns vielleicht an die Verkehrsregeln, weil wir sonst mit einer Geldstrafe rechnen müssen.

Das ist zwar besser, als sich überhaupt nicht an Regeln zu halten. Aber es ist noch nicht die höchste Form des Gehorsams. Ich tue etwas, weil ich Nachteile vermeiden möchte.

Eine Stufe höher steht die Überlegung: Ich will gehorsam sein, weil Gott es so will. Ich halte mich an seine Gebote, weil ich ihm vertraue.

Am tiefsten aber reicht der Gehorsam, der aus Liebe kommt. Wir schauen auf Jesus Christus, der sich aus Liebe zum Vater und zu uns Menschen erniedrigt hat und gehorsam wurde bis zum Tod am Kreuz.

Wer aus Liebe handelt, fragt nicht nur: Was muss ich tun? Sondern: Was ist gut? Was hilft dem anderen? Wie kann ich Gottes Liebe weitergeben?

So sollten wir versuchen, unser ganzes Leben von der Liebe bestimmen zu lassen. Auch kleine, unscheinbare Dinge können Ausdruck unserer Liebe sein: ein freundliches Wort, ein geduldiges Zuhören, eine Hilfeleistung, ein Verzicht oder ein Gebet für einen Menschen, der uns schwerfällt.

Es kommt nicht immer darauf an, wie groß eine Tat ist. Entscheidend ist, mit welcher Liebe wir sie tun.

Ich möchte mit Worten der heiligen Thérèse von Lisieux schließen. Sie suchte nach ihrer besonderen Berufung in der Kirche. Dabei entdeckte sie die Liebe als den Mittelpunkt ihrer Berufung. Sie schrieb: „Ich begriff, dass die Liebe alles ist, dass sie alle Zeiten und Orte umspannt, mit einem Wort, dass sie ewig ist.“ Schließlich rief sie aus, sie habe ihre Berufung gefunden: Im Herzen der Kirche, ihrer Mutter, wolle sie die Liebe sein.

Möge auch uns die Liebe leiten – die Liebe zu Gott und die Liebe zu unseren Mitmenschen. Mögen wir immer mehr entdecken, dass wir dazu berufen sind, nicht nur das Gute zu tun, sondern es aus Liebe zu tun.

Und möge die Liebe in unseren Herzen und in der Kirche, unserer Mutter, immer lebendig sein. Amen.


© Pfarrer Christian Poschenrieder 2026