3. Fastensonntag
1999 A
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Weitere Predigten kommen demnächst.

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Dieses doch sehr lange Evangelium von der Frau am Jakobsbrunnen könnten wir bezeichnen als das Evangelium der Gnade. Es geht um eine Frau, die in kürzester Zeit mit Gnaden beschenkt, ja überschüttet wird, mit der Wahrheit konfrontiert wird, und dies alles sofort mit offenen Armen annimmt.

Wie sind die einzelnen Stationen?

Christus ist müde von der Wanderung. Es wird hier Jesus als Mensch geschildert, der mit allen Strapazen des Lebens auch zu kämpfen hat. Jesus ist ganz Mensch und muß rasten. Die Jünger müssen einkaufen. Das ist auch etwas ganz alltägliches.

Jesus setzt sich an den Brunnen. Es war um die sechste Stunde, also 12 Uhr mittags. Die Sonne brennt sehr heiß herab. Jesus war nicht nur müde, sondern auch durstig. Vielleicht erinnert der Satz: »Gib mir zu trinken!« auch an die sechste Stunde, wo Jesus gekreuzigt wurde und dann sprach: »Mich dürstet.«

Jesus bittet also um eine Liebesgabe. Hier steckt etwas Gewaltiges dahinter. Gott bittet das Geschöpf um etwas. Wir wollen uns fragen: Wie oft bittet der Herr auch uns? Wie oft wünscht er sich ein Lächeln, wie oft erwartet er Hilfsbereitschaft, wie oft erhofft er sich offene Augen für die Not des Nächsten, oder ein offenes Ohr, das zuhören kann, u.s.w? Dieses Bitten wird aber verwandelt in ein Geben. Der erschöpfte Herr, der müde und zerschlagen ist, wird am Jakobsbrunnen wie auch am Kreuz zur Quelle, aus der Menschen schöpfen. Er wird das lebendige Wasser geben, das Wasser, das hervorfließt, als man ihm die Lanze in die Seite stößt. Er verlangt Wasser, um lebendiges Wasser zu schenken. Wenn wir genau auf das Gespräch Jesu mit der Samariterin hören, bewegt es sich auf zwei verschiedenen Ebenen. Die Frau spricht von der unteren Ebene aus; sie denkt nur an das Wasser, das sie aus dem Brunnen schöpft, und das den Durst stillt. Jesus dagegen bewegt sich von Anfang an auf einer ganz anderen Ebene. Er spricht vom lebendigen Wasser, das uns an die Taufe erinnert.

Die Frau bleibt am Anfang am Materiellen hängen. Während des Gesprächs aber zieht Jesus die Frau auf seine Ebene empor.

Am Ende des Evangeliums gibt es wieder diese 2 Ebenen. Diesmal möchte Jesus es seinen Jüngern erklären. Die Jünger denken an das »materielle« Essen. Jesus meint die andere Speise. »Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat …« Sie haben ihn mißverstanden! Es geht ihm um den Willen des Vaters, und der Wille des Vaters ist sein Werben um die Menschenseele. Hier hat er eine Menschenseele gefunden, eine Frau, die offen ist für die Gnade, und die er mit Riesenschritten zur Wahrheit führen möchte, zur Wahrheit über seine Person, und zur Wahrheit über die wahren Beter, die den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit.

Dieser Wille des Vaters läßt Jesus für die Jünger fast revolutionär handeln. Jesus spricht eine Frau an. Ein Jude sprach niemals eine Frau in der Öffentlichkeit an, geschweige eine Samariterin.

Die Samariter waren ein Mischvolk zwischen Juden und Heiden. Neben dem Jahwekult existierten andere Kulte; der Makel der heidnischen Vermischung blieb an den Samaritern haften. Die Samariter wollten beim Tempelbau in Jerusalem mithelfen, durften aber nicht und bauten ihr eigenes Heiligtum, einen Tempel auf dem Berg Garizim. Das Wort Samariter war bei den Juden ein Schimpfwort. Die Kluft zwischen Juden und Samaritern wurde zu Feindschaft und Haß; man vermied jede Begegnung. Jesus versucht Schritt für Schritt seinen Aposteln zu zeigen, daß er zu allen Menschen gekommen ist. Er erzählt z.B. das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Oder: Von den 10 Aussätzigen, die geheilt wurden, kam nur ein einziger zurück um zu danken; ein Samariter!

Jesus spricht also zu einer Frau, die natürlich zuerst nicht wußte, wer zu ihr spricht. Wie oft hat Gott zu uns gesprochen, ohne daß wir es merkten? Wenn du wüßtest, wer zu dir gesprochen hat … Du hättest ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. Die Antwort ist einem Gebet gleich. »Herr, gib mir dieses Wasser.«

Wasser ist, das können wir leicht nachvollziehen, Leben. Ohne Wasser ist Wüste. Ohne Wasser verdurstet man. Die Frau sehnt sich nach diesem lebendigen Wasser, das nie mehr durstig macht.

Die Sehnsucht ist geweckt. Die Frau ist offen für die Wahrheit. Sie will beschenkt werden mit der Gnade. Sie ist bereit, die Botschaft Christi anzunehmen.

Jesus leitet zum 2. Schritt über. Er zeigt nun seine Allwissenheit und erinnert sie an ihre Sünden. Jesus führt sie hin zu einem wunderschönen Bekenntnis. »Ich habe keinen Mann.« Es entspricht eigentlich einer Beichte. Die Frau ist so beeindruckt von seinen Worten, daß ihr der Gedanke kommt. Dieser Mensch ist ein Prophet. Vielleicht kann ihr dieser Mann mehr sagen. Sie hat Vertrauen zu ihm. Sie läßt sich nun, wie ich bereits gesagt habe, auf seine Ebene hochziehen. Jesus merkt dies und wagt den nächsten Schritt. Er geht sogar soweit, als sie beginnt vom Messias zu sprechen, ihr zu sagen, daß er selbst es ist. »Ich bin es, ich, der mit dir spricht.«

So wird nun aus der Sünderin eine eifrige Verkünderin der Botschaft! Durch ihr Zeugnis kamen viele zum Glauben. In der heutigen Zeit brauchen wir wieder solche »Frauen vom Jakobsbrunnen«. Wir brauchen wieder die bekennenden Christen, die sich nicht scheuen für Christus und seine Wahrheit zu leben. Wir brauchen wieder Bekehrungen. Umkehr lautet der Ruf der Fastenzeit. Auf Christus hören, wie diese Frau. Er ist wirklich der Retter der Welt. Amen.

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