32. Sonntag im Jahreskreis
2000 B
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Weitere Predigten kommen demnächst.

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Jesus saß nicht zufällig in der Halle des Tempels, wo 13 posaunenförmige Geldbehälter für die Opfergaben der Gläubigen angebracht waren. Er sah absichtlich zu, was dort geschah.

Die Leute warfen nicht selbst ihr Opfergeld in den Kasten, sondern übergaben die Münzen dem Priester, der überprüfte, ob es richtiges Tempelgeld und nicht etwa unreine, heidnische Münzen waren, die da geopfert wurden. Darum konnte Jesus auch alles genau beobachten. Wie die Reichen umständlich ihre gefüllten Geldbeutel hervorholten, wie der Priester sich sicher für die große Spende lobend bedankte und wie die großen Silbermünzen im Geldbehälter hell klangen. Mitten in diese wohlhabende Gesellschaft kommt eine Witwe, erkennbar schon an ihrem Gewand. Sie ist typisch gekleidet für Leute, die in einer schwierigen sozialen Situation leben. Witwen waren hilf- und rechtlos, weil sie ohne eigenes Einkommen auskommen müssen.

Der Priester wird ziemlich achtlos ihre zwei bronzenen Kleinmünzen übernommen haben. Im Opferkasten haben sie wie Blech geklungen.

Da ruft Jesus seine Jünger zu sich und belehrt sie.

Irgendwie stimmt dieses Evangelium froh! Es zeigt uns das wirkliche Wesen Gottes. Gott beurteilt alles aus einer sehr objektiven Sicht heraus. Er kennt jeden von uns durch und durch. Er weiß um die Motivation einer Tat. Er sieht ins Herz. Es geht nicht nur um die Quantität eines Almosens, sondern es geht auch um das Ganze, d. h. um den Grad der Liebe. Was kostet mich dieses Opfer! Welche Überwindung kostet es? Gebe ich es aus echter Liebe zu Gott oder nur, weil es Pflicht ist, damit ich gut da stehe, weil ich muss, weil ich sonst meinen guten Ruf verliere?

Das Beispiel von der armen Witwe lässt uns vorsichtig werden in unseren Urteilen. Wir wissen, der Mensch macht sich, wenn ihm ein anderer begegnet, wenn er einen kennen lernt, ein Bild von ihm. Um sich aber ein möglichst gerechtes Gesamtbild zurechtzulegen, gehört viel Wissen dazu, das uns oft nur begrenzt zugänglich ist. Bei der armen Witwe ist es noch relativ leicht, obwohl auch hier die Juden übereilt sich ein falsches Urteil auf die Beine stellten. Sie hat alles aber hergegeben und daher mehr gegeben als viele andere.

Dabei taucht der Gedanke auf: Wenn Kinder auf Abwege kommen, wenn sie missraten sind, liegt die Schuld allein bei ihnen? Wie viel Schuld hat die Umwelt, d. h. der Freund in der Schule, der Umgang am Arbeitsplatz? Hat das Kind gute oder schlechte Eltern? Wurde es verführt oder hat es freiwillig und bewusst die Sünde gesucht und zugestimmt?

Alles Fragen, die wir nicht 100 % beantworten können. Gott weiß aber alles! Gott weiß, ob jemand unschuldig irgendwo hinein geraten ist oder ob jemand die Versuchung gesucht hat. Ob jemand nicht doch mehr hätte aufpassen müssen und sich nicht in Gefahr hätte begeben sollen.

Als Jesus nun diese Witwe beobachtet hat, ruft er die Jünger zu sich. Er hat ihnen etwas zu sagen: Diese Witwe hat das meiste hineingeworfen. Sie ist die größte Wohltäterin des Tempels. Wahrscheinlich haben die Jünger ungläubig dreingeschaut, vielleicht haben sie den blechernen Klang der Münzen mitbekommen.

Daher muss Jesus sie aufklären: Die Frau hat mehr gegeben, sie hat nämlich alles gegeben, was sie besaß. Das erinnert uns an das Liebesgebot. Du sollst Gott mit ganzem Herzen lieben. Ganz, nicht halb. Sie hätte auch eine Münze bei sich behalten können und mit der anderen immer noch die Hälfte ihres Vermögens geopfert. Die Witwe aber gab alles. Das Opfer muss also relativ zum ganzen Vermögen gesehen werden. Wenn ein Opfer spürbar ist, dann ist es ein wirkliches Zeichen der Liebe.

Es ist schön, dass uns aus der Fülle der Jesuserzählungen diese unbekannte Witwe mit ihren zwei Groschen überliefert ist. Das Gebot „Gott mit allen Kräften zu lieben“ wird anhand eines simplen, aber für jeden verständliches Beispiel erläutert. Die Latte ist hoch, die uns Jesus vorgibt. Wir sollen zwar nicht mutlos werden, wenn wir dieses Ziel immer vor Augen haben und es anscheinend nie erreichen. Doch bewahrt es uns davor, einmal zu sagen: So, jetzt reicht es! Ich bin bereits vollkommen und kann mich zur Ruhe legen. Wahre Liebe sagt niemals: Jetzt ist es genug!

Erst im Himmel werden wir staunend wahrnehmen können, dass Gott uns mit unendlicher Liebe liebt. Bei Gott ist die wahre Liebe verwirklicht. Amen.

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© 2017 · Pfarrer Christian Poschenrieder · email