31. Sonntag im Jahreskreis
2018 B
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Weitere Predigten kommen demnächst.

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Ein Rabbi fragte einmal seine Schüler, wie man die Stunde bestimmt, in der die Nacht endet und der Tag beginnt. „Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?“, fragte einer der Schüler. „Nein“, sagte der Rabbi. „Ist es, wenn man von weitem einen Dattelbaum von einem Feigenbaum unterscheiden kann?“, fragte ein anderer. „Nein“, sagte der Rabbi wieder. „Aber wann ist es dann?“ fragten die Schüler. „Es ist dann, wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und deine Schwester oder deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“

Diese Geschichte ist nur eine andere Form des heutigen Evangeliums. Wann wird es hell in der Welt? Wann verschwindet die Nacht? Wenn Menschen fähig werden, wirklich zu lieben!

Ich würde bei der Antwort noch hinzufügen: „Und wenn du hinter dem Gesicht deiner Schwester und deines Bruders Gott siehst, den Abglanz Gottes.“

Jesus verbindet im heutigen Evangelium Gottes- und Nächstenliebe zu einem Gebot.

In der Lesung hörten wir vom wichtigsten Gebot des Alten Testamentes, das Jesus natürlich aufgreift: die Gottesliebe. Das sogenannte „Schema Israel“ – „Höre Israel: Du sollst Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Den kleinen Kindern bei den Juden wurde dieses Gebot schon beigebracht, sodass sie es auswendig aufsagen konnten.

Wenn wir beim Evangelium genau hingehört haben, dann haben wir vielleicht festgestellt, dass Jesus nicht nur zwei Gebote, die im Alten Testament an verschiedenen Stellen stehen, verbindet, sondern, dass er eigentlich von drei verschiedenen Formen der Liebe spricht. Bei der Nächstenliebe heißt es: Du sollst deinen Nächsten lieben wie die selbst. Jesus spricht von der Selbstliebe. Über diese Selbstliebe wollen wir uns heute noch ein paar Gedanken machen. Was heißt „sich selbst lieben“. Sich selbst lieben heißt, sich selbst so annehmen wie man ist und sich selbst Gutes tun. Ich muss auf meine Gesundheit achten. Das gehört zum 5. Gebot. Ich darf meinem Körper nicht schaden z.B. durch zu viel Alkohol, Nikotin, Drogen, Schlafentzug. Ich darf mich nicht leichtsinnig Gefahren aussetzen im Straßenverkehr, nicht leichtsinnig sein, keine gefährlichen Mutproben, usw.

Interessant ist, dass es heißt: den Nächsten lieben wie sich selbst? D.h. wer den Nächsten weniger liebt wie sich selbst, ist ein Egoist. Wer den Nächsten mehr liebt wie sich selbst, hat vielleicht Minderwertigkeitsgefühle und kein Selbstbewusstsein.

Wie aber liebe ich mich selbst richtig? Es gibt eine richtige Selbstliebe und eine falsche Selbstliebe. Wenn ich selbstsüchtig bin und nur auf mich schaue, ist das sicher nicht die richtige Selbstliebe. Im geistlichen Leben ist die „sogenannte“ Selbstliebe immer schlecht, denn hier bedeutet das, den eigenen Willen immer durchsetzen wollen und nicht den Willen Gottes tun. Mein „Ego“ ist die Wand zwischen Gott und mir. Dieses „Ich“ soll und muss sterben. „Nicht mein Wille geschehe“, „sondern, der deine“, so beten wir immer, leider oft unbewusst im Vater unser.

Die richtige Selbstliebe ist aber sehr wohl selbstlos. Wer sich selbst richtig liebt, also kein Egoist ist, kann den Nächsten lieben. Wer sich selbst annimmt als Geschöpf Gottes und die Sünde in sich hasst, weil sie das Abbild Gottes verdunkelt, und wer das Gute fördert und tut, der liebt sich selbst und wird auch den Nächsten richtig lieben.

Und wer den Nächsten richtig liebt, wird auch Gott richtig lieben. Gottes- und Nächstenliebe gehören untrennbar zusammen. Jesus hat die beiden Liebesgebote untrennbar miteinander verbunden wie die zwei Balken des Kreuzes. Der senkrechte Balken zielt auf die Liebe zu Gott. Der Querbalken umspannt und umarmt die Welt und den Menschen. Wer beides versucht zu leben, ist wie dieser Schriftgelehrte „nicht fern von Gott“. Amen.

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© 2018 · Pfarrer Christian Poschenrieder · email