11. Sonntag im Jahreskreis
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Weitere Predigten kommen demnächst.

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Bei diesem Evangelium könnte man natürlich über Sünde und Schuld predigen. Wir sehen wieder deutlich, wie Jesus mit Sündern umgeht. Immer wieder spüren wir durch sein Verhalten seine Liebe zu den Menschen, die Reue zeigen und umkehren.

Man kann aber hier auch in eine andere Richtung sich Gedanken machen. Und zwar über das Thema Takt, Anstand, Zartgefühl und Rücksicht. Beachten wir das Verhalten der drei Personen: Jesus, Sünderin und Pharisäer.

Da ist zum einen der Pharisäer Simon. Wir bemerken bei ihm eigentlich Taktlosigkeiten am laufenden Band, auch wenn er meint, dass Jesus sich anders verhalten müsste. „Wenn er wüsste, was das für eine Frau ist...“ Er meint, Jesus ist der, der sich nicht angemessen verhält, weil er sich von dieser Frau berühren lässt. Doch Jesus dreht den Stil um. Für ihn als Gast, der selbst von ihm zu Tisch geladen wurde, hat er kein Wasser zur üblichen Fußwaschung bereitgestellt, keinen Kuss zum Empfang, kein Öl auf das Haupt. Das sind doch alles Dinge, die zum guten Ton gehörten, die man einem Gast zu bieten pflegte und daher alles offene Zeichen der Unhöflichkeit. Es kommt noch schlimmer. Kaum hat sich die Sünderin zu Jesu Füßen niedergeworfen, sehen wir wiederum Taktlosigkeiten: diesmal in Gedanken. „Wenn der da wüsste, was die da für eine Frau ist.“ So ist Simon ein Muster der Taktlosigkeit.

Und die Sünderin? Sie ist in allem das Gegenteil. Sie holt nach, was der taktlose Gastgeber versäumt hat: die Fußwaschung, die Küsse, die Salbung. Mehr noch! Sie erweist diese Liebesdienste nicht nur in überströmenden, sondern auch in der taktvollsten Weise. Sie traut sich nur bis zu Jesu Füßen, vorsichtig von hinten. Sie spricht kein Wort. Sie meidet alles, was den Herrn in Verlegenheit bringen könnte und wagt sich demütig nur bis zu seinen Füßen.

Und Jesus selbst? Für sich selbst hätte er die Taktlosigkeit des Simon übersehen. Doch wie ist er selbst gegen Simon noch taktvoll, in dem er sanft und fein die Lektion in eine Gleichnisfrage verhüllt. Das ist Takt!

Die Quelle, aus der der Takt und der Anstand entspringen, ist die Liebe, das Herz. Wo Liebe ist, da ist Takt. Wo Lieblosigkeit, da Taktlosigkeit.  Wo kein Herz für die andern, da auch kein Kon-takt mit den andern.

Im täglichen Leben sind wir alle immer aufgefordert uns nach diesen Regeln zu verhalten. Taktvoll zu sein. Rücksicht zu nehmen. Es ist dies eine Liebespflicht von Christen. Bei unserem Reden und Handeln sollen wir einen Blick dafür zu haben, was unserem Nächsten wohl tut und was ihm weh tut. Und wir müssen uns so benehmen, so handeln, dass wir unserem Mitmenschen nicht unnötig belästigen oder in Gefahr bringen. Dem Rücksichtslosen ist das alles gleichgültig. Er kümmert sich nicht um sein Wort, um sein Benehmen, sein Tun und Lassen, wie es auf andere wirkt. Er hat keinen Blick und kein Empfinden dafür.

Vor allem nennt man das Takt. Takt ist eine Art sechster Sinn, der einem eingibt, oder besser gesagt, instinktiv fühlen lässt, welches Echo das eigene Reden und Handeln auf den Nächsten haben wird. Takt ist Bestandteil der Herzensbildung. Takt führt also zur Rücksicht. Rücksicht braucht es, um menschenwürdig zusammenleben zu können. Nehmen wir die Rücksicht aus dem Alltagsleben weg und das Leben wird zur Qual. Daher ist Rücksicht in besonderen Maße eine Pflicht von uns Christen.

Jesus hat sie uns vorgelebt. Tun wir desgleichen und üben wir uns in der Rücksicht und im Takt gegenüber unserem Nächsten. Amen.

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© 2018 · Pfarrer Christian Poschenrieder · email