24. Sonntag im Jahreskreis
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Weitere Predigten kommen demnächst.

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

„So viele Jahre habe ich dir gedient. Kaum ist der gekommen, hast du das Mastkalb geschlachtet.“ Über diesen Satz geht es bei meiner heutigen Predigt. Dieser Satz des älteren Bruders ist vergiftet mit der Hauptsünde des Neides. Dem jüngeren Bruder schenkt der Vater ein Kalb. Der ältere Bruder denkt: „Für ihn wird ein Fest gefeiert, für mich nicht. Daher gehe ich nicht mit hinein und will nicht mitfeiern. Ich beneide meinen Bruder, der so lieb vom Vater aufgenommen wird. Ich verstehe seine Barmherzigkeit nicht.“ Der Neid!

Sie kennen alle das Märchen Schneewittchen. Die Stiefmutter steht vor dem Zauberspiegel: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land.“ Auch hier ist es der Neid, weil der Spiegel das totgeglaubte Schneewittchen mit „tausendmal schöner“ tituliert und die Stiefmutter will deswegen Schneewittchen töten.

Der Neid ist so alt wie das Menschengeschlecht. Bereits am Anfang geschieht das Unvorstellbare, das Schreckliche! Kain beneidet Abel. Das Opfer des Abel wird angenommen, seines nicht, und er begeht den ersten Brudermord.

Wie oft kommt auch in unserem Leben der Neid vor und wir merken es gar nicht? Oft ist er aber auch ganz versteckt und lässt sich gar nicht so leicht entdecken.

Es fängt schon bei den ganz Kleinen an. Ein Kind sieht ein anderes Kind mit einem schöneren Spielzeug und will es auch haben.

Der Neid kommt oft vom Vergleichen. Ich schau auf den anderen und vergleiche ihn mit mir. Der andere hat was, ich nicht. Das Sich-Vergleichen ist die Wurzel von Neidattacken. Aber wenn man das Vergleichen schon nicht lassen kann, dann sollte man sich auch erstens gleichsam nach unten vergleichen: mit Menschen, denen es schlechter geht, und davon gibt es bekanntlich unzählige, besonders in der Dritten Welt. Das kann eine Hilfe gegen den Neid sein.

Zweitens sollte man sich überlegen, was einen Menschen denn in Wahrheit zufrieden macht. Ist es wirklich der Besitz, das Geld, der Reichtum, die Freizeit? Oft merken wir, dass Menschen, die sich nicht so viel leisten können, gar nicht unglücklich sind. Manchmal sind sie sogar glücklicher, als die reichen Menschen, die voller Geiz sind.

Wie ist es bei uns? Sind wir glücklich? Sind wir neidisch, weil wir unglücklich sind, oder unglücklich, weil wir neidisch sind?

Macht nicht vielmehr das Lieben und das Geliebt-sein glücklich? Und da kommen wir zum Wesentlichen. Das Entscheidende ist vor allem, wenn ich mir bewusst mache, dass Gott mich liebt und zu mir sagt: „Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein!“ Wie können wir so etwas vergessen! Ist das nicht Undankbarkeit? Gott liebt uns so sehr, dass er uns seinen geliebten Sohn sendet, der uns von diesem Unheil erlöst, und der uns dadurch seine Liebe zeigt, die bis zum Tod am Kreuz ging. Gott liebt uns so sehr, dass er die 99 Schafe zurücklässt und das verlorene Schaf sucht. Wir sind für ihn wie die Drachme, die verloren ging und die er sehnsuchtsvoll sucht. Wir sind für ihn wertvoll.

Und drittens kann es helfen, dass wir überlegen, was es den Menschen, den ich beneide, gekostet hat, um diese Position zu erreichen. Vielleicht hat er hart arbeiten müssen und auf Freizeit, Bequemlichkeit und Beliebtheit verzichtet, während ich selber all das zur Genüge hatte und weiterhin habe. Vielleicht hat er wirklich große Opfer gebracht, damit er sich das leisten konnte. Dann hat er es auch verdient.

Neidisch sind wir meistens, weil wir selber unglücklich sind mit unserem Zustand, weil wir undankbar sind mit dem, was Gott uns geschenkt hat, weil wir zu sehr auf andere schauen.

Der ältere Sohn im Gleichnis hat seinen Bruder wegen der Barmherzigkeit beneidet, die ihm der Vater geschenkt hat. Ob er aber bereit gewesen wäre, mit ihm zu tauschen und all die Demütigungen zu ertragen, die dieser erlebt hat? Ob er selbst wohl verloren, ja seelisch tot sein wollte? Das alles hat er nicht bedacht, nicht daran gedacht. Das alles aber gehört dazu, wenn wir vergleichen.

Wenn wir vergleichen, dann nicht aus unserer Sicht, sondern versuchen mit dem Blick vom lieben Gott aus. Versuchen wir mit den Augen Gottes auf jemanden zu schauen, und wir werden feststellen, dass wir niemand beneiden müssen, denn jeder bekommt vom lieben Gott genügend Gnaden. Keiner ist da benachteiligt, sondern jeder wird von Gott vollkommen geliebt und Gott bringt das Kunststück fertig, dass er dich mehr liebt, ohne den anderen weniger zu lieben. Amen.

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