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Die katholische Predigtsammlung von Pfarrer Poschenrieder
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3. Sonntag im Jahreskreis 2019 C

Messtexte | Word-Dokument

Jesus tritt heute nach dem Beginn seines öffentlichen Lehrens und Wirkens in seiner Heimatstadt Nazareth auf. Es heißt, er kehrt nach Galiläa zurück, erfüllt von der Kraft des Geistes. Nachdem er bei seiner Taufe durch Johannes am Jordan von seinem Vater als geliebter Sohn verkündet wurde, begann Jesus zu predigen und das Reich Gottes zu verkünden.

Sie alle wissen, was eine Primiz ist. Es ist das erste Auftreten eines neugeweihten Priesters in der Heimatgemeinde. Der Priester kommt als Geweihter zurück, an den Ort, wo er aufgewachsen ist und feiert dort mit den Gläubigen die erste hl. Messe. Jesus ist hier in gewisser Weise auch nach Hause zurückgekehrt. Er feiert zwar nicht die hl. Messe, aber doch ist es ein erstes Auftreten zu Hause, nach seiner Taufe, nach seiner Sendung, nach seinem ersten Wunder, das er in Kana gewirkt hat. Mit der Weihe bekommt der Priester einen Sendungsauftrag von der Kirche, vom Bischof. Diesen Sendungsauftrag bekam Jesus bei der Taufe am Jordan.

Jetzt feiert er seine Primiz zu Hause und hält seine eigene Primizpredigt. Die Leute in Nazareth sind schon sehr gespannt, was er ihnen zu sagen hat. Er stellt sich am Sabbat in der Synagoge vor: Als er aufstand, um aus der Schrift vorzulesen, reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja. Er schlug das Buch auf und fand folgende Stelle, scheinbar ganz zufällig.

Dieses zufällige Aufschlagen der hl. Schrift ist in manchen Kreisen sehr beliebt. Nicht nur Charismatische Bewegungen machen es sehr gerne und bitten den Heiligen Geist spontan, dass er wirkt, und einer darf diese Stelle auslegen.

Dieses zufällige Aufschlagen kann aber auch sehr gefährlich werden. Da gibt es diese Geschichte von einem Pfarrer, der es mit der Hl. Schrift auch so machte und sich am Anfang des neuen Jahres vorgenommen hatte, in solcher Weise (durch blindes Aufschlagen der Hl. Schrift) sich für jeden Tag ein biblisches Wort zu suchen, das er dann befolgen will. Gleich am 1. Tag des neuen Jahres schlug er so die Bibel auf, und er fand die Stelle im Matthäusevangelium 25,2: „Da schleuderte er die Silberlinge in den Tempel, ging hin und erhängte sich.“ Das kann doch Gott kaum von mir fordern, dachte sich der gute Pfarrer und schlug nochmals in gleicher Weise die Schrift auf. Diesmal traf sein Zeigefinger bei verschlossenen Augen das Johannesevangelium 13,27: „Jesus sprach zu ihm: Was du tun willst, tue bald!“ Ein letztes Mal versuchte er es. Er fand im Lukasevangelium 10,37 die Stelle: „Da sprach Jesus zu ihm. So gehe hin und tue desgleichen!“ Daraufhin gab der Priester auf, mit dieser Methode zu versuchen, den Willen Gottes zu erkennen.

Das hätte er aber gar nicht tun sollen, denn man kann auch über diese Bibelstellen betrachten und sich fragen, wer nicht alles schon ein Judas war? Ob es nicht auch bei ihm selbst schon solche Momente gab, wo man in Versuchung war. Der hl. Philipp Neri betete am Morgen immer: „Herr, hilf du heute mir, weil ich dich sonst verraten würde.“ Die hl. Theresia weiß von sich selbst, dass sie ohne Gnade Gottes, die größte Sünderin wäre. Ich kann mich noch als Priesterstudent erinnern, dass ein Kollege zu mir gesagt hat, er bete öfter: Herr, lass mich kein Judas werden. Letztlich ist doch jede Sünde eine Beleidigung Gottes, und jede schwere Sünde gleicht einem Verrat an Christus!

Aber zurück zum Evangelium: Jesus schlägt also in der Synagoge von Nazareth blind das ihm gereichte Buch auf und stößt anscheinend zufällig auf die Stelle bei Jes 61,1: Der Geist des Herrn ruht auf mir. Denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, um den Armen die Heilsbotschaft zu bringen, um den Gefangenen die Befreiung und den Blinden das Augenlicht zu verkünden, um die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen und ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen. Dann schloss er das Buch, gab es dem Synagogendiener zurück und setzte sich. Und die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Voller Neugier warten sie auf seine Worte. Vielleicht war es so ähnlich, wie man bei einer Primiz die erste Predigt oder Ansprache des Neupriesters erwartet. Ob er reden kann? Wie er wohl predigt? Was kann der, der bei uns aufgewachsen ist, bei uns in die Schule gegangen ist und durch nichts Besonders aufgefallen ist? Was wird er uns, seinen Landsleuten, nun zu sagen haben?

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich in meiner Heimat nach der Priesterweihe empfangen wurde, und ich meine ersten Dankesworte stammelte, hat meine Mutter dann liebevoll zu mir gesagt hat: Genügt schon!

Bei Jesus war keine Nervosität bemerkbar. Die schriftkundigen Nazarener wussten, der, in diesem Text des Propheten Jesaja Gemeinte, kann nur der Messias, der Gesalbte des Herrn sein, der da kommen wird und mit dem eine neue Zeit beginnen soll: die große Zeit der Gnade und des Heiles!

Da begann er ihnen auszulegen: „Heute hat sich dieses Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ Das war die ganze Erklärung, die Jesus jetzt den Menschen seiner Heimat gab. Das war ungeheuerlich, eigentlich wie ein Paukenschlag. Er, der bisher gar nichts Besonderes war, soll der von den Propheten verheißene und seit Jahrhunderten sehnsüchtig erwartete Messias sein?

Kein Wunder, dass sich dann auch Widerspruch ansagt, und dass große Aufregung und Empörung über eine solche Anmaßung zu hören war, sodass man ihn dort auch ablehnte.

Lukas beweist dann in seinem Evangelium durch die Wunder, die Jesus gewirkt hat, dass er wirklich der Messias ist: Weil in Nazareth wenig Glaube war, konnte er dort nur wenig Wunder wirken. Glauben wir, dass Jesus der Messias ist, dann wird er auch bei uns ganz bestimmt Wunder wirken. Amen.


© Pfarrer Christian Poschenrieder 2019