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Die katholische Predigtsammlung von Pfarrer Poschenrieder
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30. Sonntag im Jahreskreis 2019 C

Messtexte | Word-Dokument

Stellen Sie sich vor, es kommt jemand in die Kirche, der noch nie etwas von Christus gehört hat. Er kommt zur Messe und hört das heutige Evangelium. Er vernimmt die Worte vom stolzen, selbstgerechten Pharisäer und vom Zöllner, der sich als armer Sünder versteht und voll Reue ganz hinten im Gotteshaus steht und nicht den Mut hat nach vorne zu gehen.

Stellen Sie sich vor, er beobachtet die ganze Sache. Er beobachtet die Menschen, und er hat noch die Worte des Evangeliums im Kopf und er schaut im hinteren Teil der Kirche um sich.

Was glauben Sie, würde der sich denken? Zuerst einmal wird er feststellen, dass es in manchen Kirchen viele „Zöllner“ gibt, denn die hintersten Plätze sind oft die beliebtesten Plätze, und in manchen Kirchen bleiben sie auch stehen, so wie der Zöllner. Er denkt sich, sie leben das Evangelium. Doch so manches wird ihn vielleicht doch auch verwundern. Der Zöllner hat sich nicht einmal getraut, die Augen zum Himmel zu erheben. Er hat sich reumütig an die Brust geklopft. Es gibt sicherlich das Gemeinsame. Beide trauen sich nicht vor. Es gibt aber auch Unterschiede, unterschiedliche Motivationen. Der Zöllner traut sich nicht vor, weil er sich als Sünder sieht. Manch Anderer traut sich nicht vor, weil er vielleicht nicht gesehen werden will, weil er sich dort hinten ein wenig verstecken will oder weil er die anderen sehen will?

Wenn wir den Blick vom Zöllner hinlenken auf den Pharisäer, kommen uns vielleicht verschiedene Fragen. Jesus kritisiert das Verhalten des Pharisäers.

Je länger man als Priester über das Evangelium nachdenkt, desto nachdenklicher wird man. Wen betrifft in der heutigen Zeit das, was Jesus sagt? Sind es nicht vor allem die Priester? Kann man die Pharisäer nicht ein wenig mit den Priestern vergleichen? Sind es nicht auch die Priester, die ganz vorne stehen? Die Priester sind doch die, die predigen und es den sogenannten Sündern und Gläubigen vom Ambo aus sagen. Die Priester sind die, die das Evangelium auslegen und dann vielleicht meinen, folgendes beten zu dürfen. „Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie der Pharisäer.“

Besonders als Priester stellt sich mir folgende Frage: Was ist an diesem Pharisäer so schlecht, dass Jesu mit ihm nicht zufrieden ist? Das Dankgebet ist es wohl nicht. Gelogen hat er auch nicht. Er fastete wirklich zweimal in der Woche. Er gibt wirklich den zehnten Teil seines Einkommens dem Tempel. Wer von uns kann schon solche Werke vorweisen? Auch der Zöllner ist ehrlich, ebenso wie der Pharisäer, und er kann nur seine Sünden vorweisen. Also, was macht er nicht richtig?

Mir scheint, 3 Punkte sind falsch. 1. Es geht um die innere Einstellung. Er ist mit sich selbst zufrieden. Er ruht sich aus bei dem, was er erreicht hat. Er strebt nicht mehr nach etwas Höherem, nach dem Besseren. Dieses Streben nach dem Guten, nach dem Besser-werden ist etwas ganz Wichtiges. Tag für Tag sind wir da herausgefordert. Tag für Tag müssen wir uns da mühen. Und wenn uns das bewusst ist, dass es ein täglicher Kampf ist, dass keiner gegen die Sünde irgendwann immun ist, dann ist auch Fehler 2 nicht vorhanden, denn dann werden wir uns auch nicht über andere erheben. Letztendlich ist es die Sünde des Stolzes, die den Pharisäer zu Fall bringt.

Das ist das Zweite, was falsch ist. Sein Hochmut macht alle guten Werke zunichte. Müssen wir uns nicht immer sagen wie der hl. Paulus „Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin.“? Es ist ein Geschenk. Da brauche ich mir nichts darauf einbilden und stolz werden und auf die anderen herabschauen.

Und das, was Jesus noch kritisiert, ist drittens meines Erachtens auch das Selbstlob des Pharisäers. Wir sind immer in Gefahr unsere guten Taten zu sehr hervorzuheben.

Die Pharisäer merkten, dass Jesus diese 3 Punkte kritisiert. 1. Die Selbstgenügsamkeit. Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. 2. Der Hochmut, der Stolz, der aus den Worten des Pharisäers herauszuhören ist und 3. Das Selbstlob. Er zählt Gott auf, wie gut er ist.

Diese Kritik vertrugen sie nicht, und sie ärgerten sich darüber.  Diese schlechten Eigenschaften, Untugenden führten bei diesen Leuten zu lieblosen Verhaltensweisen. Sie machten einen großen Bogen um Sünder und Zöllner. Sie verweigerten ihnen sogar die Erklärung der Schrift. Bei Jesus ist das ganz anders gewesen. Er sucht den Sündern, will Freundschaft schließen und will ihn gewinnen. Er will nichts anderes so sehr, als dass der Sünder sich bekehrt. Jesus spricht oft davon. Denken wir an den Hirten, der die 99 gerechten Schafe zurücklässt, um das Verlorene zu suchen. Denken wir an den verlorenen Sohn, der seine Sünden bereuend umkehrt, und der Vater läuft ihm entgegen und feieret dann ein Festmahl. Oftmals finden wir uns im älteren Bruder, der zornig wurde und nicht hineingehen wollte. Oftmals finden wir uns im Pharisäer, der sich über die Botschaft Jesu aufregt, weil seine Selbstgenügsamkeit, sein Hochmut und sein Selbstlob angegriffen wird und oftmals beten wir falsch: „Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Zöllner.“ Unser Gebet soll anders lauten: „Herr, ich danke dir, dass du so groß bist in deiner Liebe und dass du selbst dem schwersten Sünder vergibst, wenn er reuevoll zu dir zurückkehrt.“ Amen.


© Pfarrer Christian Poschenrieder 2019