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Die katholische Predigtsammlung von Pfarrer Poschenrieder
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7. Sonntag im Jahreskreis 2019 C

Messtexte | Word-Dokument

„Verzeih ihnen Herr, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ So betet Jesus am Kreuz und lebt seine Forderung nach der Feindesliebe. Er bittet für die, die ihn zum Tod verurteilt haben. Seine Lehre ist bei Jesus nicht reine Theorie geblieben, sondern er hat es uns selbst vorgelebt.

Wenn es auch schwer ist, wenn es auch in unseren Ohren so klingt, als könnte es nicht verwirklicht werden, immer wieder haben es uns auch die Heiligen gezeigt, dass es nicht unmöglich ist, Jesu Willen in die Tat umzusetzen.

Ein heiliger Stephanus, der erste Märtyrer, stirbt mit den gleichen Worten. „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ Auch er verzeiht seinen Mördern, seinen Feinden.

Die heilige Franziska von Chantal war verheiratet, und ihr Mann wurde ermordet. Als Witwe traf sie den heiligen Franz von Sales. Dieser große Bischof von Genf hat sie die Feindesliebe gelehrt, und sie konnte dem Mörder ihres Mannes verzeihen. Franz von Sales hat ihr gesagt, dass es kein gefühlsmäßiges Verzeihen sein muss. Das war eine große Erleichterung, und sie wurde dann eine große Heilige. Zuerst aber musste ihr Herz vergeben.

Und doch, liebe Brüder und Schwestern, scheint mir, es ist dies das Schwierigste, was Jesus von uns verlangt. Es klingt so ganz gegen unseren Gerechtigkeitssinn, der doch lautet: Wie du mir, so ich dir. Wenn der eine mich nicht grüßt, warum soll ich ihn grüßen? Wenn der eine mich nicht mag, warum soll ich ihn mögen? Warum soll ich mich anstrengen und Gutes tun, wenn es nicht erwidert wird? Warum soll ich verzeihen, wenn beim anderen keine Reue spürbar ist? Warum soll ich jemanden noch das Hemd geben, wenn er mir schon ungerechterweise den Mantel wegnimmt? Warum die andere Wange hinhalten, wenn ich ohne Grund geschlagen wurde? Es sind dies doch lauter unmögliche Anweisungen! Wer kann das verstehen? Ist das alttestamentliche Prinzip nicht einleuchtender? Aug um Aug, Zahn um Zahn! Falls Menschen feststellen, mit dem kann ich machen, was ich will, der wird doch ausgenützt? Wenn ich merke, der schluckt alles, der wird doch nicht erfolgreich durchs Leben gehen können! Einer, der nie widerspricht, wird sich nie durchsetzen.

Trotzdem, und gerade weil es so unsinnig scheint, ist es doch das moralisch hoch stehende Handeln.

Ein hl. Klemens Maria Hofbauer ging von Haus zu Haus, um für die Armen zu sammeln. Bei einem Gottlosen kam er gerade recht. Dieser spuckte ihm ins Gesicht. Hofbauer sagte: Das war jetzt für mich, und jetzt bitte ich noch für die Armen eine Spende. Dieser Mann war so verwirrt über diese Haltung, so beeindruckt, dass er seine Meinung plötzlich änderte und doch etwas gab. Die Feindesliebe ist anziehend. Wenn wir sie als Christen vorleben, werden wir letztlich bewundert werden von der Welt. Die Welt wird nachdenken, warum er das macht. Von der Welt her gesehen ist es sinnlos. Nur der Glaube an eine ewige Glückseligkeit, der Glaube an Jesus gibt dieser Lehre einen Sinn, denn darum sind wir auf Erden, um Liebe zu schenken, um die Liebe zu leben, damit wir einmal in die ewige Liebe eingehen können. Wir wollen einmal bei dieser ewigen Liebe sein, die Gott heißt. Und dieser dreifaltige Gott, der in sich ein Liebesgeheimnis ist, will, dass wir lieben bis auf´s Letzte, und dass wir alle seine Geschöpfe lieben, denn die Schöpfung, die er erschaffen hat, ist gut. Der Mensch, dem er die unsterbliche Seele eingehaucht hat, ist ein von Gott geliebtes Wesen, und daher soll auch der Mensch sich untereinander Liebe schenken und dadurch dem Bösen die Umkehr erleichtern. Jeder Mensch ist Abbild Gottes und von daher, wenn wir von der Sünde abstrahieren, liebenswert. „Liebe den Sünder, hasse die Sünde.“, sagt uns der heilige Augustinus. Nach diesem Prinzip lasst uns leben, dann wird es auch leichter, den Feind zu lieben.

Auch wenn wir immer wieder hinter diesen Forderungen Jesu Christi zurückbleiben, müssten sie doch als Zielforderungen in ihrer ganzen Radikalität bleiben. Streben wir danach, auch wenn wir immer wieder bekennen müssen, es ist uns nicht ganz gelungen. Aber wir sind nun einmal noch nicht heilig, doch wenn man bei einem merkt, dass er sich bemüht, dann ist er auf dem richtigen Weg. Dieses Bemühen soll bei einem Christen immer wieder spürbar werden. Amen.


© Pfarrer Christian Poschenrieder 2019